Nach knapp 10 Stunden im Auto tat ein wenig Bewegung im Aufstieg zur ersten Hütte gut, auch wenn es für den ersten Tag bei 150hm blieb. In der gemütlichen kleinen Cabane de Plan Jeu hieß es aber erst einmal die bisherige Planung zu überdenken, denn weder die am Anreisetag gefallenen 35cm Neuschnee am Übergang ins nächste Tal noch der Wind mit teils über 100km/h bei -20°C in der Höhe waren in den Tagen vor unserer Abreise so vorhergesagt. Nach etwas Recherche (WLAN sei Dank) und einigen Anrufen schmissen wir die Planung kurzerhand um, fuhren am nächsten morgen bei Schneefall und schlechter Sicht wieder zum Parkplatz ab und es noch weiter in Richtung Süden, bis wir nach gut 300km im Valle Stura ankamen. Dort ging sich noch eine Skitour bei deutlich besserem Wetter, wärmeren Temperaturen, aber noch immer recht starkem Wind aus.
Mit der Unterkunft landeten wir glücklicherweise einen Volltreffer, und so genossen wir abends die Piemontesische Küche und der ursprünglich geplanten Nacht in der Biwakschachtel mit Tütenfutter und Kräutertee trauerte niemand mehr so wirklich nach. Mit einer weiteren, ausgiebigen Rundtour in bestem Skigelände überbrückten wir einen weiteren Tag, an dem die Verhältnisse auf der ursprünglich geplanten Route noch recht ungemütlich waren. Doch die Aussichten besserten sich und so fuhren wir am Mittwoch zurück ins Aostatal und stiegen aus dem Valpelline wieder in die Route Valdotaine ein, entschieden uns aber aufgrund der Lawinensituation für eine Variante: nach einer Nachmittagstour im Valpelline und Übernachtung in Bionaz ging es entlang des Stausees von Prarayer und hinauf auf das spartanisch ausgestattete, aber charmant bewirtete Rifugio Nacamuli. Die windumtoste WC-Kabine unterhalb der Hütte, die eher als „Tatort“ denn als stilles Örtchen bezeichnet werden kann, sorgte für Gesprächsstoff und allgemeine Erheiterung, zumindest solange man nicht selbst dorthin musste.
Die letzten 3 Tage standen somit ganz im Zeichen der geplanten Westalpentour mit langen Etappen meist über 3000m, blau schimmernden Gletscherbrüchen und der beeindruckenden 4000er-Kulisse. Von der Nacamuli Hütte führte der Weg über Col Collon, Col du Mont Brulé und Col du Valpelline vorbei am Dent d’Hérens und am Matterhorn bis nach Zermatt. Nach dieser schon recht langen Etappe musste die Monte Rosa Hütte aufgrund der Verhältnisse und der fortgeschrittenen Uhrzeit von Zermatt aus ohne Bahn erreicht werden, was selbst bei flottem Tempo weitere 3,5h Gehzeit bedeutet. Da es aber bereits nach 15 Uhr war, entschied sich ein Teil der Gruppe für eine Unterkunft im Tal, wechselte am nächsten Tag mit der Bahn aufs kleine Matterhorn wieder zurück auf die italienische Seite und nahm vor der Abfahrt durch das Skigebiet von Breuil-Cervinia mit dem Breithorn gleich noch einen 4000er mit.
Die restliche Gruppe wählte nach dem langen Anstieg am Vorabend das Frühstück für Spätaufsteher (6:30 Uhr) und startete auf die letzte Etappe über den Grenzgletscher und das Lisjoch auf die Ludwigshöhe. Damit gelang zum Abschluss bei bester Fernsicht, Sonne und wenig Wind auch dieser Gruppe noch einen schöner 4000er. Die 2600hm lange Abfahrt nach Gressonay ließ sich bei guten Verhältnissen und nach einem ausgedehnten Päuschen im Liegestuhl an der Oresteshütte in vollen Zügen genießen. Nach einem Transfer per Taxibus saßen am Abend wieder alle in Valpelline zusammen und stießen unter anderem mit einem „Coupe de lAmitié“ (=Freundschaftstasse mit wenig Kaffee, viel Genépy und viel Grappa) auf eine gelungene Tour an, auch wenn diese völlig anders verlief als geplant.
Stefan Olbert